Jerusalem

Von religiösem Fanatismus in der schönen Stadt und dem Urlaubs-Ausklang

 

Stadtmauer im AbendlichtDie Fahrt von Haifa nach Jerusalem war angenehm und schnell und wir kamen zusammen mit dem Sabbat an. Die letzten Busse fuhren alle in die falsche Richtung und die letzte Straßenbahn haben wir knapp verpasst, dafür waren aber auf den Straßen schon ganz viele Leute unterwegs, die heimwärts oder in Richtung Klagemauer gestrebt sind. Wir haben also nur unsere Sachen in unserer Unterkunft (Jerusalem Little Hotel – in einem wunderschönen Haus, nette Zimmer, tolle Dachterasse, recht spartanisches Frühstück, perfekte Lage zum Sightseeing, dafür aber auch nicht gerade leise) gelassen und sind den vielen Menschen zur Klagemauer hinterher gegangen. Dabei haben wir den ersten Blick auf die Stadtmauern in der Abendsonne werfen können, was sehr schön war. Sofort auffällig – und das auch nicht nur In Richtung Klagemauer unterwegsam Sabbat – war die große Anzahl orthodoxer Juden in Jerusalem. In Haifa und Tel Aviv waren die bei weitem nicht so präsent im Straßenbild. Wir hatten an der Klagemauer auch ausreichend Zeit, die Unterschiede der Bekleidung jüdischer Gläubiger zu betrachten und zu analysieren. Es gibt Kippa, Anzug und Kippa, Anzug und Hut, Anzug und Hut und Schläfenlocken, Anzug und (riesige) Fellmütze und Schläfenlocken und eine Art Kleid plus Hut oder Fellmütze und Schläfenlocken. Wir haben mal eine Steigerung des Orthodox-Seins in der genannten Reihenfolge Klagemauer (selbstverständlich nicht am Sabbat fotografiert, sondern wann anders)vermutet, die Hand ins Feuer legen würde ich jetzt dafür aber nicht. Interessant ist, dass man auch die orthodoxen Frauen an der Kleidung erkennt. Ein ganz seltsamer, sehr biederer und steifer Kleiderstil ist das, wie man ihn in streng christlichen und konservativen Kreisen auch tragen würde (oder zumindest vor 50 Jahren getragen hätte). Als wir an der Klagemauer ankamen, die nur ein erstaunlich kleines Stück Mauer ist, waren noch nicht so viele Betende da, aber es wurden dann immer mehr. Irgendwann hat dann auch der Muezzin der benachbarten Moschee gerufen und das Sing-Wirr-Warr war ein ganz guter Einstieg in das Religions-Wirr-Warr in dieser Stadt. Als es dunkel wurde (Jerusalem wird ziemlich frisch, sobald die Sonne weg ist), sind wir dann durch inzwischen ziemlich menschenleere Straßen nach Hause und haben versucht, ein Restaurant zu finden, das am Sabbat offen hatte. Schließlich haben wir auch eins entdeckt. In dem war es wahnsinnig voll, weil offensichtlich ganz viele andere Israelis und Touristen auch Hunger hatten, aber das Essen war sehr lecker.

 

Am nächsten Tag stand die Erkundung der Altstadt auf den Plan. Wir waren in der Zitadelle Suq(steht an der Stelle, an der im 1. Jhd. v. Chr. der Palast von Herodes stand), wo es eine Ausstellung über die Geschichte Jerusalems gab (so wie es eigentlich in allen Sehenswürdigkeiten Ausstellungen über die Geschichte der Stadt gibt – ich kenn sie jetzt besser als Münchens Geschichte, glaube ich) und einen Turm, von dem aus man einen schönen Blick über die Stadt hatte und das erste Mal den Felsendom sehen konnte. Danach sind wir durch den Suq geschlendert und haben die evangelische Erlöserkirche angeschaut. Das war interessant, weil die archäologische Grabungen durchgeführt haben und dabei anhand der verschiedenen Erdschichten aufzeigen können, was wann in Jerusalem passiert ist. Es war außerdem eine wohltuend wissenschaftliche Ausstellung uZitadellend weit weg von dem sonst hier üblichen „Oh Gott, Jesus hat diesen Stein berührt“- und „An dieser Stelle könnte vor 2500 Jahren der Tempel gestanden haben“-Wahnsinn. Dazu gleich noch mehr. Vom Kirchturm hatte man auch nochmal eine sehr gute Sicht auf die Altstadt und es gab einen sehr hübschen Innenhof. Danach sind wir in die Grabeskirche gegangen, die gleich nebenan ist. Und da wurde es dann recht befremdlich – um es sehr moderat auszudrücken. Die Grabeskirche steht an der angeblichen Stelle, an der die Kreuzigung Jesus stattgefunden hat und an der auch sein Grab war (zumindest hat Helena, die Mutter von Konstantin dem Großen, an Grabeskirchen-Fanatismusdieser Stelle um 300 n. Chr. angeblich drei Kreuze gefunden). Hier liegen auch die letzten Stationen des Kreuzwegs, der von der Via Dolorosa in die Kirche führt und an jeder der Stationen gibt es lange Schlangen von Gläubigen, die dann unter irgendwelche Altäre kriechen oder Wände küssen. Das seltsamste Spektakel verursacht aber eine Steinplatte am Boden, auf der der Leichnam von Jesus angeblich gewaschen und gesalbt wurde. Da knien dann ganz viele Menschen und reiben ihre Tücher an dem Stein, küssen ihn und legen jeden vorstellbaren Gegenstand darauf. Für mich als jemandem, dem Religiosität an sich fremd ist und religiöser Fanatismus erst recht, war das sehr wirr. Aber zum Glück ist das ja nicht alles, was Jerusalem ausmacht. Danach waren wir dann noch Hummus-Essen im Abu Shukri (Anja, wir versuchen brav, alle Essens- und Orteempfehlungen einzubauen), wo es sehr lecker war und Abends gab es noch einen tollen vegetarischen Burger in einem Laden, dessen Namen wir nicht wissen. Ein wenig anstrengend ist es hier schon ab und zu, wenn man kein Hebräisch kann.

 

FelsendomDer nächste Tag begann früh, weil wir auf den Tempelberg wollten und im Reiseführer stand, dass man früh da sein soll, weil sonst die Schlange zu lang ist. Als wir um Viertel nach 7 durch die Altstadt gegangen sind, war noch nichts auf und wo sonst die trubeligen Marktstände sind, war es ganz ruhig. Wir mussten dann auch tatsächlich nicht besonders lang warten und hatten den Tempelberg zumindest anfangs noch ganz für uns. Der Felsendom ist aus der Nähe noch schöner als aus der Ferne, aber leider kommt man als Nicht-Muslim Mehane-Yehuda-Marktnicht hinein. Anschließend haben wir noch einen kurzen Spaziergang über die Dächer des Marktes und durch das jüdische Viertel gemacht und uns die vier in einander übergehenden sephardischen Synagogen angeschaut, wo man klopfen musste, um eingelassen zu werden. Vor allem das jüdische Viertel, das anders als das Zentrum der Altstadt ein Wohnviertel ist, hat mir sehr gut gefallen. Der Weg zu diesem Viertel ist zugleich die alte römische Hauptstraße, der Cardo. Das war die Straße, die auf der Mosaik-Karte von Madaba auch dargestellt war. Nach einer Mittagspause haben wir Altstadt bei Nachtuns dann den Mehane-Yehuda-Markt und das Viertel Nachla’ot angeschaut, die ich beide sehr toll fand. Auf dem Markt war es gar nicht stressig, sondern sehr angenehm und überall hat es toll nach Brot und Gewürzen gerochen. Und Nachla’ot war auch sehr nett, ganz dörflich wird es da auf einmal mit engen Gassen und schönen Steinhäusern. Nach längerer Entspannung auf der Hotel-Dachterasse (zur Gitarrenmusik eines Straßenmusikanten), sind wir dann abends noch aufgebrochen in die Deutsche Kolonie (wiederum – so wie in Haifa auch – begründet von den Templern im 19. Jhd.). Da waren wir sehr lecker essen. Besonders nett war der Rückweg, bei dem wir einen schönen Blick auf die beleuchtete Altstadt hatten und auf einen Platz bei einem alten, stillgelegten Bahnhof gestoßen sind, wo ganz viele Leute zu israelischen Volkstänzen getanzt haben. Und direkt vor unserer Haustür haben zwei ältere jüdische Herren ziemlich gut Gitarre gespielt und gesungen und da haben wir dann auch noch ganz lange zugehört.

 

Am nächsten Tag haben wir dann noch mehr von Anjas Essenstipps befolgt und in einem Laden, den wir sHalle der Namen in Yad Vashemonst niemals gefunden hätten, sehr gutes Sabich gegessen (Pitabrot mit Ei und Aubergine und Salat und ganz vielen Saucen). Ansonsten stand an diesem Tag nicht mehr so viel auf dem Programm, außer nach Yad Vashem zu fahren, Israels zentralem Museum und Gedenkstätte zur Geschichte des Holocaust. Und obwohl ich alles wusste, was dort erzählt wurde und ich manche Ausstellungsteile zu stark inszeniert fand, mit Modellen und Nachbauten und Geräuschen im Hintergrund (Inszenierung ist ja in der deutschen Gedenkstättenlandschaft absolut verpönt und ich fand das bisher auch immer richtig so), hat mich Yad Vashem ziemlich mitgenommen. Vielleicht macht es doch einen Unterschied, das alles in Israel zu sehen und zu lesen? Besonders die Denkmäler, also die Halle der Namen, in der versucht wird, die Namen und Daten der Ermordeten zu sammeln und wahnsinnig viele Aktenordner stehen (die trotzdem gerade einmal die Hälfte der Opfer erfassen) und das Denkmal für die Kinder, in dem das Licht von einigen Kerzen durch Spiegel hundertfach gebrochen wird und die Namen der ermordeten Kinder vorgelesen werden, fand ich sehr gut und berührend.

 

Musiker in der Jaffa StreetJa, und das war es auch von Jerusalem. Sicherlich hätte man noch viele Museen anschauen können und wir haben auch bei weitem nicht alle religiösen bedeutenden Orte gesehen, aber von Orten, an denen die Anhänger der verschiedenen Religionen hysterisch werden, hatte ich erstmal genug. Tatsächlich laufen übrigens in Jerusalem ziemlich viele wirklich Verrückte herum, ich habe selten so viele Leute mit sich selbst reden oder sich sonst wie seltsam benehmen sehen (siehe auch: Jerusalem-Syndrom). Aber sehr coole Seiten hat die Stadt natürlich auch. Abends haben dann übrigens die beiden orthodoxen Juden wieder in der Jaffa Street gespielt. Sie sind wohl auch recht bekannt in Jerusalem und wenn man mal bei YouTube kuckt, findet man ziemlich viele Videos begeisterter Zuhörer (z.B. das hier von „Tears in Heaven“). Sie spielen einen sehr interessanten Mix aus hebräischen Liedern und englischen Klassikern von den Beatles, Pink Floyd, Simon and Garfunkel, ob Dylan und so weiter und für uns war es ein schöner Ausklang.

 

Am letzten Tag sind wir dann wieder zurück nach Tel Aviv bzw. Jaffa gefahren, weil wir noch mal Lust auf Strand hatten. Und so hatten wir einen sehr schönen letzten Urlaubstag mit viel Sonne, Eis und abends einem letzten Shakshuka, bevor es dann mitten in der Nacht wieder zurück ins kalte Oktober-Deutschland ging. Ein sehr toller Urlaub!

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